Er will nicht beeindrucken, sondern verstehen und zeigt, wie fremd einem ein Ort selbst dann bleiben kann, wenn man längst in ihm unterwegs ist.
Delisles Aufenthalt in Shenzhen bildete die Grundlage des Bandes, der zuerst 2000 erschien und zu seinen frühen dokumentarischen Arbeiten zählt. Wer heute nach Shenzhen reist, liest dieses Buch natürlich auch mit historischem Abstand. Aber gerade das macht es interessant:
Man sieht eine Stadt, die bereits vom Tempo der Veränderung geprägt ist, und einen Autor, der sich dem mit Neugier, Skepsis und trockenem Witz nähert. Delisle beobachtet präzise, ohne sich wichtig zu machen. Seine Zeichnungen haben etwas Nüchternes, fast Zurückgenommenes und gerade dadurch entsteht ein sehr eigenes, sehr ehrliches Bild. Dass er aus dem Animationsbereich kommt, erklärt vielleicht diese besondere Aufmerksamkeit für Rhythmus, Gesten und die kleinen Verschiebungen im Alltag.
Vielleicht ist „Shenzhen“ auch deshalb eine so passende Empfehlung für meine aktuelle Reise dorthin: weil das Buch nicht so tut, als ließe sich eine Stadt in wenigen Sätzen erfassen. Es hält die Fremdheit aus, die Überforderung, das Staunen und kommt dem Ort gerade dadurch näher als viele glattere Reportagen.
Meine Wochenendempfehlung: für alle, die Literatur und Comics nicht nur als Erzählung, sondern auch als präzise Form des Hinsehens lesen.
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